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DIE SCHAF-ROUTE

Wer im Hamburger Zentrum startet, die Elbe Richtung Nordsee entlang radelt und Elmshorn zum Tagesziel kürt, dem wird Einiges geboten: Malerische Landschaften Elbstrände, Schafherden und weitere tierische Überraschungen am Wegesrand.

Von Andres Lehmann

In Hamburg besuchte mich über Pfingsten ein langjähriger Freund aus Nordhessen samt Fahrrad. Da lag es nahe, ihm im Rahmen einer Tagestour das Umland der Hansestadt zu zeigen. Startschuss unserer Reise war das Hamburger Zentrum.
Zunächst rollen wir Richtung Elbe, der Hafen bietet eine beeindruckende Kulisse: Entlang der ehrwürdigen Fischauktionshalle, vorbei an der Uferbebauung "Altonaer Balkon" und dem schiffsartigen Bürohaus "Dockland" radeln wir in Richtung Wedel.

An "sonnigen Feiertagen" ist der größtenteils gut befestigte Weg entlang der Elbe eine beliebte Anlaufstelle, teilweise geht es nur im Schritttempo voran, Rücksicht ist geboten. Wir sind an einem "sonnigen Feiertag" unterwegs. Einen knappen Kilometer lang müssen wir das Rad schieben, nach einem Slalomrennen steht uns weniger der Sinn. Der Blick auf vorbeifahrende Containerschiffe und das gesellige Treiben auf dem Uferweg entschädigt für das anfänglich ungewohnte Schneckentempo. Nach wenigen Kilometern stadtauswärts nehmen wir Fahrt auf, und kommen unserem Ziel so näher: Elmshorn.

Abwechslungsreiche Strecke

Nach rund zwölf Kilometern erreichen wir Blankenese. Die "hügelige" Ortschaft mit ihrer treppenartigen Bebauung am Süllberg ist alleine die Reise wert, doch so einladend der Elbstrand auch sein mag, für eine erste Verschnaufpause ist es noch zu früh. Es gilt: Kurz das Tempo drosseln, einen Blick hinauf zu den Villen werfen und weiter geht's.
Wenige Kilometer später verlassen wir das Stadtgebiet der Millionenmetropole und erreichen das bereits zu Schleswig-Holstein gehörige Wedel.

Zunächst lotst uns das unausweichliche Umfahren des Gewerbegebietes für wenige Minuten vom Wasser weg, doch schnell führt der Weg zurück zur Elbe. Dort legen wir am Hamburger Yachthafen eine erste Pause ein. Vor den Toren der Hansestadt haben viele Segelschiffe festgemacht, doch für einen Segeltörn bleibt keine Zeit: Der landschaftlich schönste Teil unserer Tagesroute liegt unmittelbar vor uns.

 

Hamburger Yachthafen in Wedel


Jetzt gilt es, mächtig in die Pedale zu treten. Zwar türmen sich die Deiche geradezu malerisch auf, doch der Gegenwind ist tückisch. Fliegen einem die entgegenkommenden Radfahrer nur so entgegen, heißt es für uns: Windschatten fahren und unentwegt strampeln. Die Anstrengung lohnt, denn das Landschaftsbild ist traumhaft.

Auf den komplett begrünten Deichen tummeln sich hunderte Schafe, Lämmer grasen direkt am Wegesrand oder tollen umher. Die teils geschorenen Vierbeiner stellen sich einem auch gerne in den Weg, frei nach dem Motto: Das hier ist mein Kiez.
Wer nicht auf, sondern neben dem Deich fährt, sieht das meterhohe Grün des Deiches und das Himmelblau im Zusammenspiel – ein Gemälde zum Anfassen. Doch Obacht ist geboten: Beim Zählen der Schafe kann eine schnelle Müdigkeit einsetzen, und wer möchte schon vom Sattel fallen.

Der Freizeitweg "Op de Lichten" wartet mit einer weiteren Überraschung auf. Wer sich wie wir unweit des Deichs durch das Gestrüpp gen Elbe schlägt, der traut zunächst seinen Augen nicht: Er erblickt einen weitläufigen und breiten Strand wie an der Nord- oder Ostseeküste, mit ganz feinem Sand. Wäre auf der anderen Flussseite nicht das Ufer erkennbar, könnte der Strandbesucher meinen, er wäre bereits an der Nordsee angelangt.

Selbst Ebbe und Flut zeichnen sich deutlich ab. Während unseres einstündigen Strandaufenthalts, den wir uns nach 35 gefahrenen Kilometern genehmigen, ist das Wasser deutlich rückläufig.

 

... 346, 347, 348...


Wir nehmen wieder Fahrt auf. Bei so viel Natur und frischer Luft irritiert zunächst der Blick auf das Atomkraftwerk Höhe der Ortschaft Stade auf der anderen, niedersächsischen Elbseite. Doch wie auch immer man AKWs gegenübersteht, der Ausflug wird an dieser Stelle nicht getrübt: Das Kernkraftwerk Stade wurde im Jahre 2003 stillgelegt und befindet sich bereits im Rückbau.

Wir verlassen den Rad- und Wanderweg entlang der Elbe, unser Tagesziel Elmshorn ist für Radfahrer ausgeschildert. Fortan geht es weiter ins "Landesinnere". Die Strecke führt entlang der Krückau. Auch dieser kleine Nebenfluss der Elbe wird durch Deiche vor Hochwasser geschützt. Nachdem die Landschaft zuvor kilometerlang von Schafen geprägt war, durchfahren wir nun kleinere Ortschaften. Reetgedeckte Häuser und urige Strebergärten finden sich entlang der kleinen Straßen, die sich durch die idyllischen Dörfer schlängeln.

Gefiederte Aufpasser

Fremde auf zwei Rädern aus der großen Stadt werden argwöhnisch beäugt. Anders ist es nicht zu erklären, dass inmitten einer Ortschaft ein Hahn auf der Straße sitzt, uns zunächst für einige Sekunden mustert und erst dann ganz gemächlich zur Seite tappst.

Es rollt sich sehr gut auf den ebenen Radwegen, die wie begrünte Alleen anmuten, der Wind peitscht einem hier längst nicht mehr entgegen. Wir kommen unserem Tagesziel nun schnell näher. Die Peripherie von Elmshorn zeichent sich bereits ab.
Stadteinwärts überrascht ein Schild an einer großen Industriehalle: "Kölln". Wen das zweite "l" alleine nicht stutzig macht: Hier ist das Stammwerk des bekannten Haferflocken-Herstellers ansässig, ins Rheinland verfahren haben wir uns zum Glück nicht. Und so heißt es nach rund 70 Kilometern:
"Sie haben Ihr Ziel erreicht!"

Entspannt rollen wir zum Elmshorner Bahnhof durch die Innenstadt, in der eine neu gestaltete Fußgängerzone Richtung Bahnhof aufblicken lässt. Tennisplätze haben wir jedoch im gesamten Stadtgebiet keine entdeckt, wo also hat der bekannte Sohn der Stadt, Michael Stich, sein brillantes Serve-and-Volley-Spiel erlernt?

Mit dem Regional-Express fahren wir nach einer erlebnisreichen Tour zurück in die Hansestadt. Müdigkeit setzt ein. Zeit, um in Ruhe Schafe zu zählen.

 

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